Werner Steinbrecher

März 23, 2017 12:27 pm

Der Künstler Werner Steinbrecher war dem Arbeitslosenprojekt IDA (Integration durch Arbeit) und dessen Leiter, Gerard Minnaard, sehr verbunden. Er hat IDA seinen Nachlass vermacht, damit – wie mit ihm besprochen – in der Woltersburger Mühle einen Auswahl seiner Bilder und ein kleines Archiv untergebracht werden. Werner Steinbrecher war nicht nur ein begnadeter Künstler, er hatte auch die Gabe, sich immer wieder auf Menschen in seiner Umgebung einzulassen, um mit ihnen gemeinsam künstlerische Projekte umzusetzen. Wichtige Kontakte in seiner Uelzener Zeit hatte er zu dem Missionarischen Zentrum in Hanstedt und dem Arbeitslosenprojekt IDA. In Zusammenarbeit mit Gerard Minnaard (IDA) entstanden viele künstlerische Aktionen rundum dem Thema Arbeit/slosigkeit. In Zusammenarbeit mit Hermann Brünjes (Missionarisches Zentrum) entstanden zwei Pilgerwege in der Lüneburger Heide (www.auferstehungsweg.de , www.schoepfungsweg.de). Werner Steinbrecher hat sich immer wieder künstlerisch-politisch mit der Vergangenheit (des eigenen Vaters und des Deutschen Staates) und selbstkritisch therapeutisch mit den Folgen für ihn, als Sohn dieser Vergangenheit, auseinandergesetzt. In den 90er Jahre entstand in diesem Zusammenhang ein Projekt, das mit dem Buch „Eine Kiste im Keller“ abgeschlossen wurde.

Werner Steinbrecher (1946-2008)
1946 in Visbek geboren, aufgewachsen in Düsseldorf. 1966 Architekturstudium an der TH Aachen. 1972-1978 Studium an der Akademie für Bildende Künste Nürnberg und an der Hochschule für bildende Kunst in Berlin. 1989 Umzug von Berlin nach Allenbostel (bei Uelzen). 2008 am 23. Oktober gestorben im Hospiz in Bardowick.
www.werner-steinbrecher.de

 

Beerdigungspredigt von Gerard Minnaard

Liebe Trauergemeinde,

Es wird nicht einfach sein, Werner gerecht zu werden. Werner hat breit gewirkt. Es wird deshalb auch nicht einfach sein, Ihnen alle gerecht zu werden. Es gibt verschiedene Wirkungskreise, sowohl räumlich als auch zeitlich. In einem kleinen privaten Testament hat Werner drei solche Kreise in Gestalt von drei Personen zusammengebracht: Rita, die Schwester, die bleibende Vergangenheit aus dem Rheinland, Michael, die wichtige Berliner Phase, und mein Name für die dritte Phase in der Lüneburger Heide. Ich möchte heute diese letzte Phase ein wenig beleuchten, wissend, dass ich damit nur einen Abschnitt aus Werners Leben vor Augen habe. Ich hoffe, dass meine Überlegungen exemplarisch genug sind, um auch die anderen Orte und andere Zeiten mitzunehmen.
Werner ist als Künstler und als Mensch im Kreis Uelzen sehr präsent. Im Rathaus, in der Sparkasse, im Gebäude der Uelzener Versicherungen. Im Kreis der befreundeten Künstler/innen im BBK. Im Missionarischen Zentrum in Hanstedt mit dem Auferstehungsweg und dem Schöpfungsweg. In Allenbostel, dem Dorf in dem Werner zu Gast und zu Hause war.
Manchmal hat Werner daran gezweifelt, ob man als Fremder je in Allenbostel zu Hause sein kann. Wie viele Generationen sind nötig, um in einem Dorf auf der Lüneburger Heide anzukommen? Es war anders. Wohnend am Rande des Dorfes hat Werner fast alles gewusst, weil die Menschen zu ihm gekommen sind und erzählt haben. Werner war ein Teil von Allenbostel und deshalb ist es nicht nur Tradition, wenn nachher sechs Männer aus Allenbostel Werner zu Grabe tragen werden. Wie stark Nachbarschaft sein kann, habt Ihr, Karl Heinz und Karin gezeigt. Täglich habt ihr Werner bis zu seinem Sterben geholfen. Ich bedanke mich in Werners Namen bei Euch und bei allen anderen, die Werner begleitet haben. Eine schöne Anekdote über Werners Dankbarkeit möchte ich weiter erzählen: Eines Tages, im Hospiz in Bardowick, als Werner schon sehr verwirrt war, hat er zu Karin gesagt, sie solle für Karin einen schönen Blumenstrauß kaufen. Neben diesen verschiedenen Kreisen gibt es natürlich Werners Frauengeschichten. Irgendwie war die weibliche Seite des Lebens für Werner kompliziert. Ich will darin nicht rühren, obwohl Werner das selber intensiv gemacht hat. Wer bin ich, Werner Steinbrecher – wer bin ich als Mensch, als Mann, als Sohn. Bin ich überhaupt in der Lage zu lieben, kann ich überhaupt frei werden von meiner Vergangenheit? Werner war ein Sucher, ein Grübler, kritisch, selbstkritisch – bis zum Rande des Depressiven.

Heidebilder
An diesem Punkt möchte ich unsere Blickrichtung etwas drehen. Schauen Sie das Gemälde an, das neben dem Sarg steht.
Selten haben Klara und ich so mit Werner gelacht, selten haben wir so intensiv über Kunst gesprochen, als an dem Tag, an dem er uns seine Heidebilder gezeigt hat.
„Werner, Du wohnst auf der Lüneburger Heide, dann kannst Du doch einfach rausgehen und unendlich viele schöne Bilder malen.“ Schöne Heidebilder. Das war für Werner eine grauenhafte Vorstellung. Ein Künstler lebt mit Bildern. Genauer gesagt: Er lebt mit der Auseinandersetzung mit Bildern. Alle Menschen haben ein Bild vom Heidebild. Der Künstler weiß das. Er weiß, welche Bilder, die Menschen im Kopf haben. Er weiß, was die Menschen erwarten. Er weiß, wie sie reagieren werden: „Oh, das ist aber ein schönes Heidebild“, oder: „Nein, so sieht die Heide nicht aus, das habe ich mich anders vorgestellt.“ Was, bzw. wie soll der Künstler malen? Soll er den Erwartungen der Menschen entsprechen und einfach die Heide malen? Das kann er. Als Werner in Allenbostel eine Ausstellung hatte, stand ein Allenbosteler Urgestein an der Tür. der hat alle begrüßt und hat leise gesagt: er kann aber auch echte Bilder malen.
„Werner“, Du wohnst auf der Lüneburger Heide, dann kannst Du doch einfach rausgehen und unendlich viele schöne Bilder malen.“ Stimmt: Sie sehen es: ein Heidebild. Ein „Schrift-Bild“, wie Werner es nannte.
Die Rolle des Künstlers in unserer Gesellschaft ist es, weniger die Bilder, die wir im Kopf haben, zu bestätigen, als vielmehr, sie aufzubrechen. Der Künstler schmiert nicht zu, er irritiert. Warum? Weil es unter uns soviel Unheil, soviel Unwahres, soviel Unechtes gibt.
Wenn die Kunst die Aufgabe hat, – in welcher Form auch immer – Schönheit und Wahrheit miteinander zu verbinden, dann wird die Kunst in einer gebrochenen Welt auch immer einen Form des Protestes sein. Protest gegen Scheinharmonie und billige Lösungen. Sie wird auch das Hässliche zeigen und das Verdrängte offen legen.

Priesterlich
Werner und ich haben öfter darüber geredet, dass es ein Privileg ist, etwas getrennt von der normalen Gesellschaft arbeiten zu dürfen. Der Künstler, der versucht von seiner Kunst zu leben, hat Zeit, in einer Gesellschaft, in der niemand Zeit hat, um bestimmte Teilaspekte des Lebens länger festzuhalten und sie aus dem Fluss der Dinge herauszuschneiden.
Traditionell ist es in der Bibel die Aufgabe des Priesters, diese Position außerhalb des Alltagsgeschäftes des Volkes einzunehmen. Er wird von der normalen Arbeit freigestellt und bekommt die Aufgabe, um das Heile (um „Schönheit und Wahrheit“) festzuhalten und weiterzugeben. Und er hat die Aufgabe stellvertretend für das Volk das Unheil nicht zu verdrängen, sondern zu durchleben.
Werner hat diese priesterliche Rolle auf sich genommen. Eine schwere Rolle—vor allem für einen Künstler, der meist ohne Institution auskommen muss. Das macht einsam und (in den meisten Fällen) auch arm. Vor wenigen Wochen wurde Werners Rente genehmigt: 145 Euro im Monat. Soviel zur Dankbarkeit unserer Gesellschaft, dass es diese priesterlichen Menschen gibt.
Trotzdem: Diese schwere Rolle passte zu Werner. Er hat Probleme festgehalten, hat weiter gebohrt, hat immer wieder um noch eine andere Ecke gedacht. Werner hatte die Gabe, sich nicht anzupassen und nicht zu verdrängen. Ich habe diese Gabe geschätzt – auch wenn dieses Nicht-Verdrängen manchmal etwas Krankhaftes hat und für andere sehr anstrengend sein kann. Werner hat es sich nicht leicht gemacht und er hat es damit auch anderen nicht immer leicht gemacht.
Es ging und geht aber auch um etwas. Und zwar um das Heilwerden dieser Welt. Denn das Aushalten des Kaputten, das Ernstnehmen des Schmerzhaften hat eine heilende Wirkung.
Es heißt in der jüdischen Tradition, dass es nichts Ganzheitlicheres gibt als ein gebrochenes Herz. Das heißt, dass wir das Heile nicht finden und nicht haben können, ohne das Gebrochene ernst zu nehmen.

Prophetisch
Werner hat die Probleme dieser Welt nicht nur ausgehalten, er hat sich aktiv und gestalterisch damit auseinandergesetzt. Er hat versucht sie zu verarbeiten. Werner war ein 68iger. Er wollte sich gesellschaftlich, politisch einmischen. Insofern war er nicht nur eine priesterliche, sondern auch eine prophetische Gestalt.
Das prophetische Anliegen, die kritische Anklage, hat Werners Kunst geprägt, sie hat ihn aber nicht oberflächlich gemacht. Wenn Kunst eine Botschaft hat, dann kann es leicht passieren, dass das Bildhafte so sehr instrumentalisiert wird, dass es keinen eigenen Raum mehr einnehmen darf. Das war nicht Werners Stil.
Dafür war er zu sehr professioneller Künstler. Und dafür war er zu katholisch. Werner hat vor vielen Jahren eine Serie gemacht zum Thema Asyl. Die Bilder, die er geschaffen hat, haben aber auch als Bild eine eigene Sprache, die sich nicht auf das Thema Asyl reduzieren lässt. Ein Bild ist nicht nur ein Instrument – weil ich über Asyl etwas sagen will, sondern hat auch als Bild eine eigene Sprache. Ich glaube, dass Werners katholischer Hintergrund bei dieser Wertschätzung des Bildes als Bild auch eine Rolle gespielt hat. Im Grunde genommen ist Werner immer katholisch geblieben, auch wenn die Institution Kirche für ihn unwichtig war.

Königlich
Liebe Trauergemeinde,
neben dem Priester und dem Prophet gibt es in der biblischen Tradition noch ein Drittes Amt: das des Königs. Der König ist derjenige, der dafür sorgt, dass das Leben gelingt. Dieser König ist in der Bibel von Anfang an zutiefst demokratisch der königliche Mensch, und zwar der Mensch in der Gemeinschaft. Denn nur in der Gemeinschaft kann das Leben gelingen.
Ich möchte Werners Ringen mit dem Verdrängten, dem Unheilen, dem Unschönen und dem Unwahren in diesem Sinne verstehen. Als ein königliches Ringen in der Gemeinschaft um Menschwerdung. Ich will es nicht zu schön machen. Ich will aus Werner keine Lichtgestalt machen. Aber überall wo Menschen um Humanität, um Wahrheit und Schönheit ringen, spüren wir etwas von dem, was die Karte, die Sie bekommen haben, zeigt. Die Kraft der Auferstehung.
Diese Kraft will uns nicht irgendwann, nach dem Tod, erfassen. Sie will unser Leben bestimmen – hier und heute. Diese Kraft hilft uns, das Ringen um Menschlichkeit überhaupt durchzuhalten. Werner hat dieser Kraft Gestalt gegen. Diese Kraft wird Werner halten – von nun an bis in Ewigkeit.
Amen.

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